Polygon entstand zu einem Zeitpunkt, als Prostoria seine Identität über Funktion hinaus definierte und nach einer klareren Designsprache Ausschau hielt, die ihre Wurzeln in Struktur, Komfort und kultureller Kontinuität hatte. Der Sessel spiegelt den frühen Geist der Marke und ihre Offenheit für neue Formen wider; er stellt Konventionen in Frage und erweitert die Polstermöbelsprache.
Polygon entstand zu einem sehr besonderen Zeitpunkt — für Ihr Studio ebenso wie für Prostoria. Wie würden Sie diesen Zeitpunkt heute beschreiben, und welche Art von Designfragen haben Sie mit Interesse erkundet?
Nach dem anfänglichen Erfolg der Schlafsofas von Prostoria, die die erste Phase des Unternehmens bestimmten, trat ein klarer Übergangsmoment ein. Etwa zur gleichen Zeit begann Prostoria, internationale Kunden und Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, und es wurde klar, dass die Marke nicht nur zweckmäßige zeitgemäße Produkte brauchte, sondern auch eine Geschichte — etwas, was Herkunft, Kontext und eine sprachliche und stilistische Grundlage vermittelte.
Bevor man über die Form nachdachte, was schien in Prostorias früher Kollektion zu fehlen — und warum empfand man einen Sessel wie Polygon als notwendig?
In dieser Phase hatte sich Prostoria bereits durch Funktionalität und Innovation etabliert, aber es fehlte eine klarere kulturelle Positionierung.
Was hat Sie davon überzeugt, dass Prostoria der richtige Ort für die Entwicklung solch eines starken, unkonventionellen Stücks war?
Prostoria war der einzig mögliche Partner. Zu dem Zeitpunkt gab keine anderen kroatischen Hersteller, die Design-Polstermöbel auf diese Art und Weise produzierten.
Im Zusammenhang mit Polygon wird oft Modernismus erwähnt, aber nie im wörtlichen oder nostalgischen Sinne. Mit welcher Art von Modernismus haben Sie sich auseinandergesetzt?
Der Modernismus wird oft auf Slogans wie „Form folgt Funktion“ oder „Weniger ist mehr“ reduziert, doch diese Schlagworte neigen dazu, seine grundsätzlich humanistischen und emanzipatorischen Grundlagen zu verwischen. Seine Ursprünge liegen in der Kritik der Unmenschlichkeit des Industriezeitalters und in dem Bestreben, die Seele in seriengefertigten Gegenständen wieder zu entdecken — oder einzubringen.
Mit Polygon wollten wir den Sessel kompakt halten und dabei ein hohes Maß an Sitzkomfort erzielen. Wir reduzierten die Zahl der Komponenten, erlaubten aber der Form, verspielt und ausdrucksstark zu bleiben. Wir waren bestrebt, einen Punkt zu erreichen, an dem nichts mehr hinzugefügt oder weggenommen werden musste.
Als Sie begannen, den Polygon zu entwerfen, was war zuerst da: ein Gegenstand, an den Sie sich erinnerten, eine räumliche Idee oder ein fertigungstechnisches Problem?
Die anfängliche Referenz waren die breiten und voluminösen Armlehnen des vom slowenischen Designer Niko Kralj entworfenen Stuhls Lupina. Von diesem Punkt aus entwickelte sich der Stahlrahmen durch die Suche nach einer kontinuierlichen räumlichen Linie, und dies bestimmte letzten Endes die polygonale Geometrie der Sitzfläche und der Armlehnen. Erst ein paar Jahre nach dem Entwurf des Armsessels Polygon erkannten wir eine unerwartete Ähnlichkeit zum Sessel von Vjenceslav Richter aus dem Jahr 1952 — nicht hinsichtlich der Typologie oder Technologie, sondern in Bezug auf die Winkelstellung und Proportion — was eine gemeinsame Verwandschaftslinie nahe legte, die unbewusst entstanden war.
Polygon markiert ganz klar eine Abkehr von der orthogonalen Logik klassischer Sitzmöbel. Warum war es wichtig, dass sich der Sessel voll und ganz im Raum entfaltete?
Sitzmöbel sind nur selten rechtwinklig, hauptsächlich wegen der Komplexität der menschlichen Anatomie. Sessel wurden gewöhnlich mit spiegelbildlichen Seitenteilen entworfen, aber mit dem Aufkommen von CNC-Biegen und formgegossenem Kaltschaum gibt es keinen Grund mehr, die Form auf ein gepresstes Profil zu reduzieren.
Der Armsessel Polygon zeigt diese technologische Umstellung ganz einfach auf.
Beim Polygon ist das Gestell nicht verborgen — es wird zum eigentlichen Sessel. Wie entwickelte sich die Konstruktion in ein ausdrucksvolles Werkzeug?
Wir behandeln das Gestell immer als gleichermaßen wichtiges Element eines Gegenstandes, Seite an Seite mit dem Volumen. Beim Polygon wurde das Gestell gewissermaßen eine räumliche Zeichnung — eine dreidimensionale Linie, die wichtige Punkte miteinander verband, wie etwa die Spitzen der Füße und die Verbindungsstellen von Sitzfläche und Rückenlehne.
Es ging nie darum, die Konstruktion um ihrer selbst willen freizulegen, sondern darum, dass man ihr ermöglicht, voll und ganz am Gesamtausdruck beteiligt zu sein.
Polygon entwickelte sich zeitgleich neben Prostorias Fertigungsmöglichkeiten. Wie wirkte sich die hauseigene Entwicklung auf die finale Ausgestaltung aus?
Das Design entwickelte sich parallel zu Prostorias Fertigungsmöglichkeiten. Als 3D CNC Fräsen in Gebrauch kam, verfeinerten wir die Details, als formgegossener Kaltschaum eingeführt wurde, gestalteten wir die Polsterteile neu.
Ein interessanter Aspekt ist, dass die Sitzfläche selbst — wegen der inneren Metallverstärkung im Schaum — zum Teil des Gestells wurde und die zwei sichtbaren Metall-Seitenteile miteinander verbindet. An diesem Punkt verschwand die Grenze zwischen Gestell und Polsterteil.
Komfort, Perzeption und Zeit
Polygon erscheint präzise und analytisch, bleibt aber dennoch komfortabel und an verschiedene Kontexte anpassbar. Wie verstehen Sie heute den Komfort und die Langlebigkeit dieses Armsessels?
Der Vorteil von Polstermöbeln liegt im Verhalten des Schaums, der sich an den menschlichen Körper anpasst. Wenn das innere harte Gestell richtig positioniert und die Schaumdichte sorgfältig gewählt wird, kann sogar eine visuell scharfkantige Form echten Komfort bieten. Um diese Balance zu erzielen, braucht man Erfahrung, Prototypenerstellung und eine gewisse Sensibilität, die sich durch die Fertigung entwickelt.
Von verschiedenen Blickwinkeln aus betrachtet wird Polygon fast schon zu einem anderen Gegenstand. Diese ständige Flexibilität erlaubt es dem Sessel, sich leicht an Wohn-, öffentliche und gastgewerbliche Innenräume anzupassen. Obwohl der Sessel nicht sofort ein kommerzieller Erfolg war, spürten wir und das Team von Prostoria schon recht früh, dass es sich um ein wichtiges Stück handelte. Zwei Jahre später wurde er zum Bestseller von Prostoria — und blieb es seitdem auch.
Nach heutigem Ermessen stellt Polygon einen Moment dar, in dem Design, Fertigung und Vertrauen einheitlich ausgerichtet sind — er ist nicht nur ein Sessel, sondern ein gemeinsamer Ansatz mit weiterhin offenem Ende.
Text und Interview verfasst von Tatjana Bartakovic